Günter Herold, behindert durch eine osteogenesis imperfecta („Glasknochen“), machte 1983 Fachabitur in der Ausbildungsrichtung Wirtschaft und Verwaltung.

Er schreibt:

Zu meiner Person:

Name: Günter Herold
Jahrgang: 1961
Durch meine Behinderung seit Geburt auf die Benutzung eines Rollstuhles angewiesen.

 
Meine Beziehung zur Fachhochschule:

Von 1981 bis 1983 war ich Besucher der Fachoberschule im kaufmännischen Bereich. Ich besuchte die FOS ab März 1982 als externer Schüler, der also nicht mehr im Internat wohnte. Am Unterricht nahmen damals sowohl behinderte als auch nicht behinderte Personen teil. Das Verhältnis war etwa 70/30 Anteil an behinderten Menschen.
Nach erfolgreichem Abschluss studierte ich 8 Semester Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule München mit dem Schwerpunkt Marketing.
Seit 1987 bin ich selbständig als Beratender Betriebswirt vor allem in sozialen und gemeinnützigen Einrichtungen tätig.
Seit 1997 habe ich mich weiter in Gewaltfreier Kommunikation nach Dr. Marshall Rosenberg ausgebildet; seit 2004 bin ich hierfür zertifiziert und darin im Rahmen von Fortbildungen und Konfliktmanagement tätig.
Mein Wertschätzung und mein Dank an die FOS gilt der Schulleitung und deren LehrerInnen und MitarbeiterInnen im Umfeld; besonders aber dem Mut und dem Engagement für das Konzept zum gleichzeitigen Unterrichten von Menschen mit Behinderungen und ohne Behinderung.
Ich habe in meinem Leben bis dahin alle Varianten des integrativen Unterrichts kennen gelernt. Meine Haupt- und Realschulzeit verbrachte ich als einziger Behinderter in einer Regelschule. Danach machte ich meine Ausbildung zum Industriekaufmann in Rummelsberg, ausschließlich mit körperbehinderten Kollegen. In der Pfennigparade konnte ich nun ein ausgewogeneres Verhältnis erleben, und das hat mir am Besten gefallen. Der Exot einerseits und das Inselleben andererseits haben sich nun verwandelt in ein gelebtes Miteinander, auch wenn der Behinderten-Anteil immer noch überwog.
Für die Entwicklung meiner sozialen Kompetenz und das Verstehen und Eingehen auf gegenseitige Bedürfnisse mit unterschiedlicher Ausprägung hat mich der Aufenthalt an der Fachoberschule sehr bereichert.
Natürlich gehören alle Bausteine meines Lebens zusammen und tragen ihren Teil zu meiner Person bei, die ich jetzt darstelle. Doch den Anteil der Pfennigparade möchte ich gerne erwähnen. Die Mischung aus Schutz für meine Belange als behinderter Mensch und die Notwendigkeit, sich mit meinen nicht behinderten KameradInnen zu beschäftigen, und dabei nicht auf einen Sonderstatus hinweisen zu können, war eine große Herausforderung, die mein Leben prägte. Somit war es mir möglich, langsam in die Welt nach draußen zu gleiten, mit einem Tempo, das meinen beiden Bedürfnissen sowohl nach Sicherheit als auch nach Wachstum erfüllten. Hätte es die FOS in der Pfennig nicht gegeben, ich wäre sicherlich nicht in dieser Lebensqualität, in der ich mich befinde, und wofür ich von Herzen dankbar bin.

Ein Wort für die Zukunft?
 
Am liebsten wäre es mir, wenn wir überhaupt keine integrativen Schulen bräuchten. Jede Schule sollte für sich entscheiden können, mit welcher Art von Schülern und Schülerinnen sie sich beschäftigen möchte. Ich würde mich freuen, wenn wir die Bewertung fallen lassen könnten, ob es sich nun um eine Regelschule oder eine integrative Schule oder gar eine Sonderschule für (Körper)-Behinderte handelt.
Ich weiß nicht, wem diese Qualifizierungen wirklich helfen.
Weil sich dieser Wunsch wohl nicht so schnell umsetzen lässt, möchte ich gerne das Licht auf eine andere Betrachtung lenken. Es ist sicherlich nicht hilfreich zu fragen: Sollen wir nun dieses Schulsystem oder ein anderes weiterführen? Ich denke, wir brauchen beide und sogar Zwischenstufen. Menschen mit oder ohne Behinderung lassen sich nicht kategorisieren. Gerade Eltern von behinderten Kindern sind im Alltagsleben mit den Umständen ziemlich gefordert und auch überfordert. Es ist oft nicht leicht abschätzen, welche Schulform das Kind und das Umfeld am besten unterstützt.
Vielfalt tut gut.
Wenn ich mein Leben anschaue: Aufgrund meiner Umstände, Behinderung, Intelligenz, elterliche Fürsorge, hätte ich sicherlich meine Fachhochschulreife auch in einer Regelschule bewältigt. Der Umstand aber, in eine Großstadt gezogen zu sein und mich fern von meinem Elternhaus orientiert haben zu müssen, war aber schon Herausforderung genug. Nun, das hat jeder, der von zu hause weg in die Ferne zieht. Jedoch ist da wirklich auch noch die körperliche Behinderung. Sie ist vorhanden und fordert ihre Aufmerksamkeit und Kraft. Selbständigkeit und Autonomie hin und her. Es ist zwar möglich und für mich anstrebenswert, mit meiner körperlichen Beeinträchtigung mein Leben normal zu organisieren, aber es ist auch anstrengend. Dass ich dabei einen Raum zur Akklimatisierung und Anpassung hatte, hat mir wohl getan und meine Ressourcen geschont.

Ich wünsche jedem Menschen, dass er die Möglichkeit hat, die für ihn angemessene Schule zu finden und besuchen zu können. Möge ihm dabei die FOS der Pfennig mit ihren eigenen Qualitäten, Erfahrungen und Methoden weiterhin zur Verfügung stehen.
 
Günter Herold, im Mai 2005