Erdogan Altindis, Istanbul-München

Erdogan Altindis, geb. 1963, ist Polio gelähmt und geht mit Krücken.
Er besuchte unsere Realschule, und er schloss seine Schullaufbahn an der Stiftung Pfennigparade mit der Fachhochschulreifeprüfung im Fachbereich Technik 1984 erfolgreich ab.
Anschließend studierte er Architektur an der Fachhochschule München.

Er schreibt:

Seit ein paar Tagen bin ich wieder in meiner Heimat, in München. Ist das wirklich meine Heimat? Hat nicht inzwischen Istanbul diese Rolle übernommen? Während ich an einem lauen Sommertag durch die Straßen von München radle, kommen und gehen diese Gedanken, und ich genieße es, hier zu sein. Nach drei Monaten Istanbul bin ich wieder da, wo ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe.
München zeigt sich von seiner besten Seite. Die Menschen sind guter Laune, und es scheint alles so unbeschwert zu sein. Natürlich trägt die aktuelle Fußball-Weltmeisterschaft viel zu dieser Stimmung bei. Zum ersten Mal sehe ich so viele Deutschlandfahnen. Aber sie stören mich nicht, denn sie wirken auf mich nicht nationalistisch, sondern fröhlich.
Ich radle an der Isar entlang und spüre den Fahrtwind auf meinem Gesicht.
Welch ein Vergnügen, durch diese Stadt zu radeln, die es sich leistet, Fahrradwege anzulegen. In Istanbul bewegt sich kein normaler Mensch mit dem Fahrrad auf der Straße, schon gar nicht mit solch einem Fahrrad wie dem meinen, auf dem ich fast liege. Ich nehme die Gesichter der Menschen wahr, wenn sie mir zulächeln, und höre die Kinder rufen: Oh geiles Fahrrad! Und sie schauen mir nach, wenn ich an ihnen vorbei zische. Es war ein Gefühl von Verliebtsein, als ich vor sechs Jahren das erste Mal auf diesem Fahrrad saß und mir damit einen lang ersehnten Wunsch erfüllte.Den Umgang mit meiner Behinderung habe ich wirklich gut hingekriegt, aber es gibt einfach Dinge, die man nicht machen kann, wenn man körperlich nicht dazu in der Lage ist. Dann bleibt eine Sehnsucht offen. Als ich in meiner Schwabinger Wohnung lebte, sah ich die Leute an mir vorbei zum Englischen Garten radeln. Und ich beneidete sie um ihr Freiheitsgefühl, sich so fortbewegen zu können.
Ich radle am Olympiagelände vorbei, bin immer wieder beeindruckt von dieser Zeltkonstruktion und finde den Architekten Behnisch genial. Dass man aus einem Damenstrumpf so eine Konstruktion bauen kann! Und wie wunderbar, wenn eine Idee und ihre Ausführung dazu dienen, den Menschen ein gutes Lebensgefühl zu geben. Davon sprechen die Gesichter der Menschen hier am Theatron.
Mein Fahrrad hat drei Räder, mit dem Körper lenke ich es durch Gewichtsverlagerung, die Pedale sind an meinen Händen, und die Sitzkonstruktion ist tief gelegt. Wenn ich mich in eine Kurve lege, sieht es wohl sehr schnittig aus, das spiegeln die Gesichter der Menschen wider.Das Herz von Schwabing ist unumstritten die Leopoldstrasse, wo heute viel los ist: Alle Cafes und Kneipen haben mindesten zwei bis drei Fernseher, alle Tische sind rausgestellt, die Wirte konkurrieren mit allen Größen der Bildschirme groß, größer, am größten. Fußballfieber hat München voll im Griff.
Meine Ungeduld, endlich in den Englischen Garten zu fahren, überkommt mich, und ich drehe um, fahre in Richtung Kleinhesseloher See. Dabei habe ich das Gefühl, ich schwebe über den Splitt, so leicht kommt mir dieser Tag vor. Welch ein Luxus, denke ich, gestern in dieser Stadt der Häusermeere und heute in einer Stadt der Grünoase. Jetzt spüre ich, welch eine Lebensqualität es ist, mitten in der Stadt so einen Park zu haben, welch ein Wohltat, welch ein Glück. Weit und breit nur Bäume und Grün und ich mittendrin.
Gleichzeitig bin ich glücklich, mein Glück wahrnehmen und all diese Schönheiten betrachten zu können. Früher, als ich ständig hier lebte, war das der Alltag, ich hatte die Schönheiten als selbstverständlich genommen. Jetzt lehne ich mich zurück und schaue zum Seehaus hinüber und kann von hier sogar das Anfeuern der Fußballfans hören.

Ich will noch einmal darauf zurückkommen, wie ich dieses Fahrrad ausfindig gemacht habe. Beim Surfen im Internet entdeckte ich, dass ein querschnittgelähmter Mann diese New Yorker Fahrräder in Deutschland vermarktet. Schon lange wollte ich endlich mal regelmäßig Sport betreiben, und so traf ich diesen Typen an einem Ort, irgendwo in der Mitte unserer beider Wohnsitze. Als ich dann auf diesem Fahrrad saß und meine ersten Pedalbewegungen machte, wusste ich, dass dieser Tag ein wichtiger Tag für mich werden würde.
Das erste Mal in meinem Leben habe ich den Fahrtwind gespürt das war das wundervollste Gefühl, das ich je erlebt habe. Nur wenn ich verliebt war, hatte ich dieses Gefühl oftmals gespürt, und plötzlich gibt mir so ein Fahrrad solch ein Gefühl! Das letzte Mal, wo ich mich genauso schnell für eine Sache entschieden habe, war meine Wohnung in Istanbul.
Seitdem radle ich, so oft ich kann, wenn ich wieder in München bin. Heute kommen mir beim Radeln alle möglichen schönen Gedanken, auch eine große Dankbarkeit den Konstrukteuren gegenüber, die dieses Fahrrad erfunden haben, die mir diese Möglichkeit eröffnet haben, so unbeschwert durch meine geliebte Stadt zu radeln.

Im nördlichen Teil des Englischen Gartens geht es recht ruhig zu, es ist fast wie auf dem Lande, großräumig und fast keine Menschen. Ich flitze durch die Grasshalme mit meinem Gefährt und finde eine Mulde, strecke mein Gesicht durch die Grashalme und betrachte den Himmel. Keine Stimmen, keine menschlichen Geräusche, nur Vögel zwitschern und ein paar Ameisen pieksen in meine nackte Haut.
Mittlerweile ist es fast dunkel geworden, die Wege sind leer und eine seltene Stille ist spürbar. Ich denke, der Grund dafür ist das Fußballspiel, Deutschland spielt gegen Argentinien.
Ich passiere den chinesischen Turm, Tausende von Menschen sitzen vor dem großen Bildschirm mit ihren Maßkrügen und angespannten Gesichtern. Das Elfmeterschiessen bringt Bewegung in diesen Platz, der von großen Kastanienbäumen umgeben ist. Ein einziges Ah und Oh! Und dann schließlich die Erlösung, Deutschland kommt in das Halbfinale! Die Freude ist einmalig, manche Menschen schreien vor Glück, sie umarmen sich, prosten sich zu, die Maßkrüge scheppern.
Ich halte am Monopteros an und denke an meine Jugend, wo ich oft hierher kam und das Grün von München von oben betrachtete in dieser historischen Umgebung. Als ich zum
Hofgarten komme, ist das Rondell in der Mitte golden beleuchtet von der untergehenden Sonne, alle Bänke sind besetzt, und die Menschen strecken ihre Gesichter in die Sonne.
Im Rondell spielt ein Akkordeonspieler, er ist tief versunken in sein leidenschaftliches Spiel, und die Zuhörer genießen diese Musik. Ein Pärchen, wohl Touristen, ist eng umschlungen und die Verliebtheit der beiden ist unschwer zu erkennen. Das erinnert mich an den Film Before Sunrise, in dem die Stadt Wien der Liebe Flügelt verleiht. Abermals genieße ich die Leichtigkeit und Unbeschwertheit.

Ich steuere durch die Theatinerstraße, durch die Fünf Höfe in die Fußgängerzone. Wie seltsam denke ich, dass um diese Zeit hier so wenig los ist. In Istanbul ist die Istiklal caddesi um diese Zeit propevoll. Keine Nadel würde zu Boden fallen, wenn man sie fallen ließe, lautet ein türkischer Spruch. Ich tanze mit meinem Rad durch die geräumige Fußgängerzone, mache einen Abstecher entlang der Mauern der Frauenkirche, hier ist es ganz besonders ruhig. Leider ist die Tür nicht offen, hier hätte ich gerne eine Kerze angezündet für diesen schönen Tag.
Durch das Karlstor fahre ich weiter die Sonnenstraße entlang zur Taverne Yol, wo ich meine Istanbul-Fans treffen werde.
Es ist verrückt dieses Leben, schön verrückt, ich liebe es. Im Yol treffe ich nur Leute, die ich fast alle während meines Istanbulaufenthalts kennen gelernt habe, die zu mir als Gäste gekommen sind und nun als Freunde mich in München begrüßen. Die Kneipe Yol ist eine der ältesten türkischen Tavernen in München, hierher komme ich immer wieder gerne, um meine Istanbul-Freunde zu sehen.
Na, was passiert in Istanbul? fragen sie mich. Ach wie schön ist es in München, antworte ich. Hast du wieder neue Wohnungen? In welch einer wundervollen Stadt leben wir doch, erwidere ich.
Ich bin noch vom Fahrradfahren so betört, die Luft hat meine Lunge gereinigt und meine Gehirnzellen aufgeschüttelt. Die Nacht ist angebrochen, wir verabschieden uns schließlich, und eine der anwesenden Freundinnen begleitet mich mit ihrem Fahrrad zur U-Bahn. Ich habe keine Lichter an meinem Fahrrad und will nichts riskieren.
Auf der Isarbrücke sehen wir den klaren schwarzblauen Sternenhimmel, den unter uns gemächlich dahinziehenden Fluss, die Bäume in der Umgebung. Es ist ein laue Sommernacht, ruhig und angenehm, keine Hektik. An der Brücke auf der gegenüberliegenden Uferseite sehen wir einen Lichtpunkt. Wir steuern auf ihn zu. Er entpuppt sich als neue Bushaltestelle, die Sommerstrand heißt.
Und das in München! Hier ist man sofort in der Karibik. Betritt man das Areal, ist der ganze Boden mit weißen Sand gefüllt, überall gibt es Liegestühle, eine Strand-Bar, ein bunt gemischtes Publikum, Menschen, die in Gruppen miteinander plaudern. Liebespaare lehnen an den Brüstungen und betrachten den Himmel mit Halbmond. Ich bin so überrascht über München, dass die Stadt es schafft, sogar die Karibik hierher zu holen, selbst das wirkt unbeschwert und nicht gewollt.
Wir holen uns etwas zum Trinken, und der Floh hat sich an uns rangeschmissen, ein verkappter Hare Krischna Typ. Er sieht super aus, sein Outfit wirkt so, als ob es zur Dekoration gehöre. Er widerspricht mir und bekräftigt, dass dies seine normale Bekleidung sei.
Mein Fuß durchdringt den weißen feinen Sand, leider ist es nicht mehr karibisch warm, unter der Decke liegend betrachte ich den Himmel, das Flussbett der Isar und nehme die Menschengeräusche und die Musik um mich herum wahr. Welch ein toller Abschluss an diesem Tag, denke ich mir. Ich entschließe mich doch, nach Hause zu radeln, in der Nacht durch die Stadt. Dieses mal betrete ich den Hofgarten im Dunklen, höre südamerikanische Klänge, merke, dass sie vom Rondell kommen. Von weitem kann ich Schatten an den Innenwänden und gleichmäßige Bewegungen erkennen. Je näher ich komme, desto deutlicher sehe ich, dass es tanzende Menschen sind. Ein Tangogruppe, wie faszinierend, wie harmonisch die Bewegungen sind, welch eine Atmosphäre mitten in der Nacht in diesem Garten mitten in der Stadt. Und diese Erotik, die in der Luft flirrt. Das ist eindeutig dieser Tanz, wie die Paare sich anfassen, wie sie sich betrachten und wie sie ihre Beine in harmonischen Schritten bewegen, ihre Blicke und ihre Hände, wie sie sich anfassen. Welch ein erfüllter Tag, welch eine innere Zufriedenheit in mir.
Ich bin ruhiger geworden, viel ruhiger, dieser Tag hat mich erfüllt und wiegt mich nun langsam in den Schlaf. Der Englische Garten ist dunkel geworden, während ich so gemächlich nach Hause radle, denke ich an die sinnliche Frau aus Luzern, die wohl geahnt hat, als sie das Anagramm auf mein T-Shirt schrieb: Da radelt er so innig.

Erdogan Altindis

 

Gernstl unterwegs

Abgedruckt ist im Folgenden ein Auszug aus einem Gespräch des Fernsehjournalisten Franz Gernstl mit Erdogan Altindis in der BR-Sendung „Gernstl unterwegs in Istanbul“, Sendetermin 30. Dezember 2006, 19:00 bis 19:45 Uhr.
Gernstl’s Kommentarton ist kursiv gedruckt.

An unserem letzten Abend hat uns der Architekt Erdogan Altindis er ist ein Freund von unserem Dolmetscher Os zu einer Dachterrassen-Party eingeladen„.

Erdogan: „Hallo, ich bin Erdogan“
Gernstl: „Ich heiß Franz“
E.: „Ihr seid ja zwei Wochen schon hier, oder?“
G.: „Zwei Wochen, bis morgen noch“
E.: „Und das ist praktisch euer letzter Tag hier, schön.
Und wir machen jetzt ’ne Party für euch“
G.: „Was machst du denn als Architekt?“
E.: „Was ich als Architekt mache? Also ich hab in München gearbeitet 10 Jahre lang, studiert auch. Ich bin eigentlich seid 30 Jahren in München, und ich pendle zwischen München und Istanbul…..je nachdem wie die Auftragslage ist. Im Moment bin ich hier tätig“
G.: „Können wir uns hinsetzen?“
E.: „Ja, ja.. (setzen sich). Geboren bin ich hier, aber ich hab meine Identität, meine türkische Seite nie aufgeben wollen. Ich wollte die beiden Kulturen immer miteinander verschmelzen. Das ist mein Grundmotto. Ich bin mit 10 Jahren nach Deutschland gekommen es sollten 3 Monate sein, über die Sommerferien sollte ich dort operiert werden aufgrund meiner Behinderung….“
G.: „Und was hast Du, was ist da passiert?“
E.: „Kinderlähmung. Ich hab mit einem Jahr Kinderlähmung bekommen, und dadurch kann ich nicht so normal laufen und benütze, äh, äh, äh ..Krücken. Mein Vater hat mich mit nach Deutschland mitgenommen um mich eben dort behandeln zu lassen. Und aus 3 Monaten sind es inzwischen in vier Tagen 32 Jahre geworden“.
G.: „Drückt es sich jetzt auch in deiner Arbeit aus diese beiden Kulturen, sieht man das auch in deiner Art von Architektur, was du machst das schaut jetzt sehr westlich aus hier, gel?“
E.: „Tja, diese orientalische Architektur ist nicht mein Ding. Was ich gemacht habe, ist ein ganz tolles Ding, das hab ich erst vor ein paar Tagen abgeschlossen. Das ist ein Haus in Kaisery, in Mittelanatolien, ein Haus für meine Eltern, das hab ich 3 Jahre lang gebaut, und das ist was ganz Verrücktes geworden (zeigt Photos)“.
G.: „Gefällt das den Eltern, so modernes Zeug?“
E.: „Mittlerweile gefällt es den Eltern, nur hat meine Mutter im Moment das Problem, es einzurichten, weil es alles innen rund ist“.
G.: „Schaut wie ein Schiff aus“.
E.: „In Kaisery haben sie schon einen Namen dafür gefunden, nämlich Titanic„…..
hier in der Türkei ist alles viel unkomplizierter, hier kann ich eine Idee von früh
bis abends umsetzen, und das macht Spaß.“
G.: „Das sind mehr Macher, die Türken, weniger Planer und mehr Macher, oder?“
E.: „Ja genau! (lachen) Und das ist der Unterschied zwischen Deutschland und der Türkei. das hat seine Vor- und Nachteile. In der Türkei sind die Leute sehr emotional, sie haben Ideen und wollen sie sofort umsetzen das ist auch ein Teil von mir. Und in Deutschland haben die Leute Ideen, und die brauchen 4 Wochen zur Umsetzung,
und dann ist es perfekt. Dies ist natürlich was, was die ganze Welt den Deutschen nachahmt, aber dafür ist die Emotion mehr im Hintergrund…(zeigt ein Metallgelenk)…das zum Beispiel sind Elemente, in Deutschland hat man es mir für 150,- DM pro Stück angeboten und davon hätte ich 300 Stück gebraucht. Das wäre unmöglich gewesen zu realisieren. Also bin ich nach Istanbul geflogen und hab innerhalb von einer Woche diese Teile hier machen lassen für ein Drittel des Geldes. Die hab ich dann teilweise im Flieger mitgenommen (lacht). Das ist wirklich diese unkomplizierte Art des Arbeitens, was mir Spaß macht“.
G.: „Dabei sind die absolut präzise gefertigt“
E.: „Türken sind überhaupt Weltmeister im Improvisieren, das liebe ich. Die sagen auch bei uns nie Nein zu etwas. Das ist ein Nachteil und ein Vorteil (lacht). Sie versuchen es immer. Manche sind geschickt und wirklich begabt, und die machen dann. Manche verstehen’s nicht, aber sie können nicht Nein sagen, und machen alles kaputt (lachen).
(Gehen die Treppe hoch und verschwinden in einer der Wohnungen)
G.: „Und da hast du dein Büro und wohnst ansonsten alleine hier?“
E.: „Ich hab bereits nach meiner eigenen Wohnung eine große Nachfrage, und für bestimmt Gäste stelle ich sie auch zur Verfügung. Manchmal ist es so, dass 10-15 Leute in Gruppen kommen, und die wollen dann alle Wohnungen hier im Haus anmieten, und in diesem Fall gebe ich ihnen meine Wohnung auch“.

G.: „Hätten wir also auch eine Wohnung mieten können“.
E.: „Ja, natürlich“.