Zum Abschied gab es „Großes Theater“. Unser „Iraker-Bus“ alias „Trabbi-Bus“ oder zuletzt auch einfühlsam „Schrotti“ genannt, ging auf seine letzte Reise für uns. Alle verfügbaren Lichter an, einmal um den Block, ganz langsam am Schulhausrampengebäude vorbei. Viele waren gekommen und winkten. Blitzlichtgewitter. Herr Baumann hielt eine kurze Rede, Hans Prockl hat den Moment in Bild und Ton festgehalten.

Viele Schülergenerationen und auch Kinderpfleger, Assistenten und Lehrerkollegen verbinden schöne Erinnerungen mit diesem Gefährt. Der Bus war perfekt auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten. Die maßgeschneiderte Konzeption für den Transport unserer Klassen mit den durchdachten Rollstuhlplätzen geht auf unseren leider schon verstorbenen früheren Hausmeister Franz Schwegler zurück. Sogar ein Honda-Stromaggregat ließ er für die atemgelähmten Schüler einbauen. Das machte dann die legendären Campingreisen des Kollegen Dieter Scheibe nach Jugoslawien und Griechenland möglich. Dabei erlebte der Bus mit Herrn Schwegler am Steuer eine abenteuerliche Rückfahrt durch ein Jugoslawien, in dem gerade der Krieg ausgebrochen war. Rups Hökmayr hat friedliche Fotos mit Bus vor dem Eiffelturm und dem Brandenburger Tor. Familie Schobert hat ihn mit mehreren Brennerüberquerungen trainiert und fit gehalten, musste aber auch seinen einzigen Aussetzer auf freier Strecke ertragen: Wasserpumpeninfarkt! Irakles bevorzugte Salzburg, Herr Engel kannte die Strecke nach Wartaweil auswendig, und ich sah in den letzten Jahren dank des großen Wiedererkennungswertes des Fahrzeugs grüßende Menschen am Straßenrand in Zwiesel.
Kriminelle Elemente haben ihn einmal in Budapest und einmal vor der Schule in der Barlachstraße durch die eingeschlagene Seitenscheibe beklettert und durchsucht.

Wehmütige Erinnerungen mischen sich bei mir mit der Erleichterung, dass der Schutzengel all die Jahre immer mitgefahren ist und das sich das in der Natur des Straßenverkehrs liegende immense Risiko nie deutlich gezeigt hat. Letztendlich harmlose Spuren und Einkerbungen im Blech erinnern an den Eisenpfosten vorne Mitte, die Dachrinne hinten oben rechts, den schwarzen Außenspiegelstreifen auf halber Höhe rechte Seite, den hart gefrorenen Schneeberg rechts unten, die Verformung rechts Mitte in PKW-Höhe nach Kontakt mit konkurrierendem metallic-farbigem Blech.

Mara und Maria hatten einen letzten rührenden Versuch gestartet, „Schrotti“ zu retten, mit Hilfe einer langen Unterschriftenliste. Aber das Datum der Erstzulassung, 17.4.1987, und 240.000 km sprechen für sich. In der Buswerkstatt wurde die Miene des Meisters, Herr Jahnl, in den letzten Monaten immer ernster. Eine Wirtschaftlichkeit ließ sich auch beim besten Willen mit allen mathematische Raffinessen nicht mehr errechnen. Die Unterschriften kommen zusammen mit dem Autokennzeichen „M-AZ 6518“ und einem Foto ins Schularchiv.

Für „Schrotti“ aber ist der Vorhang noch nicht endgültig gefallen. Eine Schauspielergruppe aus Dresden hat sich schon vor einem Jahr für ihn interessiert und ihn jetzt gekauft. Er soll zu einem 9-sitzigen Tourbus mit Lademöglichkeit für die Bühne umgebaut werden. „Schrotti“ könnte so noch eine Weile für unterhaltsames „Kleines Theater“ sorgen.

Wolfgang Lüers