„Schule als Nebenbeschäftigung?“

Viele Schüler der Fachoberschule sind gezwungen, neben dem Schulbesuch zu arbeiten. Einige Schüler stehen vor der Situation, während der Schulzeit bereits ihre potenzielle Karriere als Berufssportler vorzubereiten. Drei Schüler berichten, wie es ihnen inmitten der Spannungsfelder Schule-Arbeit und Schule-Sport ergeht.
Hans Prockl

Sinan, Klasse 12b (Technik), 1. Dezember 2006

„Ich war auf der Staatlichen Fachoberschule, dort hab‘ ich die Probezeit nicht bestanden. Ich dachte, ein halbes Jahr Nichts tun ist auch blöd. Ich war hier an der Förderklasse – aber das war zu leicht, also da hat man ja wirklich mit Plus und Plus und Minus und Plus in Mathe angefangen und so’n Schmarrn. Und ich hab halt einen Job gebraucht, damit ich auch ein bisschen Nebeneinkünfte hab, um einfach mir selber was leisten zu können. Und da hab ich sogar eine Zeit lang drei Jobs auf einmal gemacht und bin bei zwei hängen geblieben. Ich mach „Pizza ausfahren“ und „Kentucky“. Pizza fahren nur so ab und zu während der Woche, so zwei bis drei Stunden, in der Zeit von 5 bis 9 Uhr. Zu „Kentucky Fried Chicken“ bin ich folgendermaßen gekommen: Ich hab ’ne Anzeige in der Zeitung gelesen und hab mich beworben. Die haben mir dann einen Test gegeben – ich kam mir komisch vor, ich dachte das ist voll die Psychoanstalt, weil die geben dir so’n Test, und da denkst du dir, den kann doch wohl jeder beantworten, die fragen dich solche Sachen wie >Würdest du aus dem Lager was klauen< und so was. Also wirklich solche Sachen. Ja keine Ahnung, und dann haben sie mich halt genommen. Ja und seit dem bin ich eigentlich dort. Bei „Kentucky “ bin ich samstags und sonntags von 16 bis 22 Uhr. Ich bin dort „back of house“, mach alles was hinten anfällt, ich frittiere das Fleisch, mach die Burger, bereite die Saucen vor, und so weiter. Bei „Kentucky“ kommen in zwei Monaten 20 Leute und gehen zwanzig wieder, in der Gastronomie wird schlecht bezahlt. Die Chefs sind sehr nett zu mir, weil sie halt nicht wollen, dass wir kündigen. Denn wenn sie Neue einstellen, müssen diese wieder eingearbeitet werden. da ich mich überall auskenne, weil ich von Anfang an dabei bin, arbeite ich die Neuen ein. Jetzt hab ich so nebenbei auch noch ein Taxiunternehmen mit meinem Vater gegründet. Das Geld das ich verdiene, brauch ich zum Teil für die Handy-Rechnungen, fürs Benzin und fürs Schulgeld. Meine Eltern würden das Schulgeld auch bezahlen – so ist es nicht, aber da ich hängen geblieben bin und 20 Jahre alt bin, mach ich’s selber. „Beeinflusst die Arbeit auch dein Privatleben?“ „Ja extrem sogar! Weil davor hab ich sonntags sogar noch Fußball gespielt! Ich stand in der früh auf um 10 oder 11Uhr zum Spielen, dann wurde gespielt, danach geduscht und danach gleich in die Arbeit, also wirklich ohne eine Pause dazwischen, und dann erst mal sechs Stunden noch arbeiten. Dann nach Hause. Und ich musste mich ja noch irgendwie auf die Schule am Montag vorbereiten, und dafür hatte ich nicht mehr viel Zeit…

 

 

 

 

 

 

 

Basti, Klasse 12b (Technik), 1. Dezember 2006

„Ferdinand Gerz und Bastian Henning segeln aktiv in der 420er-Klasse. Die erfolgreiche Mannschaft wurde in den Leistungskader des bayerischen Segelverbandes aufgenommen und wird von uns gefördert und unterstützt. Nunmehr konnte sich die Mannschaft als bestes Team U19 zur Teilnahme an der Weltmeisterschaft 2007 in Neuseeland qualifizieren….< (Aus der Begründung für eine einwöchige Schulbefreiung nach den Weihnachtsferien)

„Ich segele relativ professionell und wir haben uns dieses Jahr für die Weltmeisterschaft qualifiziert, und die ist eben in Neuseeland. In Deutschland ist es so im Segelsport, dass zwar die Hotelkosten und die Aufenthaltskosten in Neuseeland bezahlt werden, aber den Flug nach Neuseeland zahlt der deutsche Kader nicht. Meine Eltern hätten den übernehmen müssen. Wir haben dann eben nach Sponsoren gesucht, aber wir hatten auch schon Sponsoren davor und die haben einen Teil gedeckt, aber wir haben auch gesagt, dass wir dort unten in Neuseeland auch das Land anschauen wollen. In Neuseeland ist es so, dass du viel fliegen musst wenn du dir irgendwelche Sehenswürdigkeiten anschaust von Stadt zu Stadt, weil es einfach nicht anders geht. Da gibt’s nicht so was wie ’nen Zug. Und das haben wir eben gesagt dass wir das auch machen wollen. Der Vater meines Segelpartners lebt zur Zeit in Neuseeland, und der hat uns ein Angebot gemacht , dass wir beide, also ich und mein Segelpartner, 700 Euro zahlen und er uns dafür in einer Woche Neuseeland zeigt, vor der WM. Ich hab‘ halt für mich beschlossen, dass ich das unbedingt machen will, und meine Eltern haben gesagt, wenn du das machen willst, dann musst du halt dafür arbeiten und das selber finanzieren. Ich hab nach einem Job gesucht“.

„Mit Segeln kannst Du noch kein Geld verdienen?“

„Nee, mit Segeln verdien ich noch kein Geld, dafür bin ich noch zu schlecht. Ich bin zwar Deutschland-Spitze, aber nicht international. Bei der Jobsuche bin ich dann nach einigem Rumfragen im Segelclub auf eine Werbeagentur gekommen, und dort kann ich als Assistent vom Hausmeisterteam, also vom >facility management< arbeiten. Ich kümmere mich dort ums Lager, räum auf, fahr den Müll raus, lauter solche Sachen. Dort arbeite ich dreimal die Woche 3 Stunden von 14:00 Uhr bis 17:00 Uhr, am Montag, Mittwoch, oder Donnerstag/ Freitag“.

„Bist du nach der Arbeit nicht müde und erholungsbedürftig, wenn Schule und Arbeit zusammenkommen?“

„Ja es geht, für mich geht’s zur Zeit eigentlich noch ganz gut. Über’s Segeln hab ich auch viele fitness- oder ernährungstechnische Sachen gemacht, hab gelernt, lange fit zu bleiben“.

„Wie lange wirst du arbeiten?“

„Ich arbeite seit Anfang September, hab einen Vertrag bis Ende Dezember. Danach wird man sehen, ob die mich eben weiter nehmen wollen, oder ob ich nach Neuseeland aufhöre.“

„Zum Segeln. Wie ist dabei das Verhältnis zwischen Schüler und Trainer?“

„Es ist so, dass man viel alleine trainieren muss, um dann auch mit einem Trainer arbeiten zu können. Man muss erst einmal einen gewissen Grundstandard erreichen, und dann kann man erst mit einem Trainer arbeiten. Trainer sind beim Segeln meistens hauptberufliche, bezahlte Trainer. Für die WM-Vorbereitung haben wir einen polnischen Trainer gehabt, der nur Englisch spricht und nur ein paar Brocken Deutsch. Auf dem Wasser haben wir ausschließlich Englisch gesprochen, der Umgangston war sehr sehr gut, weil wir mit ihm einfach sehr eng zusammen gearbeitet haben. Irgendwann freundet man sich halt an. Bei der Nationalmannschaft hatten wir einen Bundestrainer, der vom deutschen Seglerverband bezahlt wird. Das ist ein sehr guter Trainer, Sportstudent aus Kiel, er segelt selber auch, mit dem ist es ein fast freundschaftliches Zusammenarbeiten, freundschaftliches Reden auch – der ist ziemlich cool drauf.“

 

 

 

 

 

 

 

Sebastian, 12c (Sozialwesen), 22. Juni 2007

Sebastian ist Rollstuhlbasketballspieler beim USC München. Erste Bundesliga. Sebastian absolvierte die Ernst-Barlach-Realschule und macht gerade Fachabiturprüfung.

„Wie sahen für Dich als Schüler und als Profisportler die vergangenen 2 Jahre aus?“

„Während der 11. Klasse FOS hab ich mein Training weitgehend normal verfolgt, das heißt, ich hab 3-4 Trainingseinheiten pro Woche gehabt und dann noch zusätzlich die Spiele am Wochenende – entweder zuhause in München oder in anderen Städten in Deutschland wie Köln, Hamburg und so weiter. Und im 12. Schuljahr sah es dann so aus, dass ich die Trainingseinheiten runterschrauben musste, weil ich mit dem Lernstoff nicht mehr hinterherkam und mehr für die Schule tun musste. Das hat man an meiner sportlichen Leistung gemerkt, die dann einfach stehen geblieben ist und sich nicht mehr weiterentwickelt hat. Dafür konnte ich mich in der Schule verbessern. Mein Tagesablauf schaut so aus, dass ich Montags Schule mache bis zum Nachmittag, anschließend Essen, etwas ausruhen, dann Hausaufgaben usw., bis abends 10 Uhr, dann hab ich etwa eine Stunde Freizeit und schlafe dann. Ich hab während der 12. Klasse 2x trainiert, dienstags und freitags. Da sah der Tagesablauf etwa so aus, dass ich Schule hatte und anschließend mich kurz ausgeruht hatte und dann ins Training gefahren bin, dort 2-3 Stunden trainiert hab und anschließend meine Hausaufgaben gemacht hab – ausgenommen freitags, da hab ich meine Hausaufgaben aufs Wochenende hin verschoben. Der Erwartungshaltung von Verein, Trainern, Vorstand, von den Eltern und von den Lehrern, die alle erwarten, dass ich meine sportliche Leistung bringe bzw. mein Fachabitur gut mache, ist sehr schwer zu entsprechen. Ich habe immer versucht, die Waage zu halten zwischen Sport und Schule. Ich spiele Rollstuhlbasketball seit mehreren Jahren, intensiv seit 3 Jahren für den USC München und für die deutsche Junioren-Nationalmannschaft für die U22, d.h. für alle unter 22 jährigen. Ich bin auch schon im erweiterten Kader der Herren und denke dass ich in den kommenden 1-2 Jahren fest in den Kader integriert werde und da noch weitere internationale Erfolge anstreben kann. Ich würde gerne die Paralympics mitbestreiten. Ich hab auch in den letzten Jahren Angebote von ausländischen Vereinen bekommen, unter anderem aus Italien, Spanien und Frankreich, aber auch aus den USA. Ein College hätte mir angeboten, unter einem Halbstipendium für die College-Mannschaft zu spielen. Ich hätte Sportmanagement studiert und zugleich Basketball gespielt. Allerdings war dieses Angebot finanziell nicht attraktiv genug, da meine Eltern zusätzlich noch zahlen hätten müssen. Ich habe ein großes Vorbild im Rollstuhl-Basketball, nämlich den Polen Piotr Luczinski, der spielt für den RSC Zwickau hier in Deutschland, den finde ich einen Klasse Basketballspieler, er ist physisch sehr fit und besitzt eine hohe Spielintelligenz. Ich rechne ihm auch hoch an, dass er abseits vom Basketballfeld sehr bescheiden und „auf dem Boden“ geblieben ist. Meine Zeit nach der FOS möchte ich sehr individuell gestalten, weil ich mir jetzt noch nicht im klaren darüber bin, was ich nachher noch machen möchte. Ich weiß, dass ein solide Ausbildung wichtig ist und dass ich nicht mein Leben lang Basketball spielen kann. Wenn ich mit 40 Jahren aufhören müsste, könnte ich vielleicht bis 50, 55 leben und wäre dann auf „Hartz IV“. Ich denke, dass ich mich in den kommenden 1 bis 2 Jahren nur mit dem Sport beschäftige, und ich werde einem Angebot aus Spanien nachgehen. Saragossa ist eine sehr interessante Stadt zwischen Madrid und Barcelona, mit 600000 Einwohnern. Nächste Woche werde ich runterfliegen und das Finanzielle besprechen. Ich könnte mir auch vorstellen, dort zu studieren. In Richtung Sportmanagement oder Lehramt. Ich denke dass ich es mir mit 18 Jahren noch leisten kann, etwas Anderes zu machen, wenn ich mir andere Mitschüler ansehe, die einmal sitzen geblieben sind oder den Zivildienst machen müssen – die verbringen 1 bis 2 Jahre auch mal anders, und ich könnte diesen Teil meines Lebens auch mal interessant gestalten. Ich musste im Gegensatz zu manchen Mitschülern keine Nebenjobs machen, da ich mir durch Basketball und persönliche Sponsoren eigene Gehälter aneignen konnte durch meine sportliche Leistung, und somit konnte ich Schüler sein und Sportler sein und wurde als Sportler und für den Schulabschluss durch Gehälter und Prämien belohnt“.

 

 

 

 

 

 

Anhang: 

Telefonieren:

Monatliche Telefonierleistungen von Schülern:

Chris: 66 h Arnout: 16 h. Korbinian: 6 h Mark: 2 h Marcel: internet. Noah: 12 h Kevin: 10 h Marc: 0 h Jana: 16 h Anna: 60 h Conny: 60 h Anton: 3 h Patrick: 5 h Oliver: 28 h